Ein herzliches "Dzién dobry!" vom Flughafen in Warschau!
Der letzte Blogeintrag datiert noch aus dem Juli und dazwischen lagen immerhin das Formel-1-Rennen vom Hockenheimring, sowie unser Comeback nach sechswöchiger Verletzungspause! Da ich wie immer an dieser Stelle den Fokus auf die Dinge abseits des Courts lege, werde ich mal mit dem PS-Spektakel beginnen.
Ich war ja noch nie bei einem Rennen der Königsklasse, wusste also nicht so richtig was mich erwarten würde. Als wir am Samstag ankamen war schon ordentliches Gebrüll in der Luft, gerne nutzte ich die Ohrenstöpsel, die in der Sky-Lounge unseres Partners Red-Bull uns noch vor den Getränken in die Hand gedrückt wurden. Wenn man schon Kinder mit an die Rennstrecke nimmt, dann sollten die Ohren besonders geschützt sein.
Dies haben die Eltern dieser beiden Kleinen anscheinend hinbekommen oder starke Narkotika benutzt, jedenfalls habe ich die beiden nicht einmal wach gesehen...
Etwas erstaunt nahm ich dann die per Zeichensprache übermittelte Information zur Kenntnis, dass es sich zu der Zeit "nur" um das freie Training der Moto-GP-Serie handelt - quasi dem kleinen Bruder der Formel-1 und nur etwa halb so laut...
Noch etwas müde von der Anreise hatte dieser akustische Pegel aber den Vorteil, dass längere Konversationen unmöglich waren und man erst einmal "zur Ruhe" kommen konnte. Dann war jedoch genug der Entspannung, denn wir kamen in den Genuss einer Boxenführung, inklusive Motorhome und Box des RB-Racing-Teams.
Es war schon sehr beeindruckend diese andere Welt mal hautnah mitzuerleben, überraschend relaxed ging das Formel-1-Team mit unserer Besuchergruppe um, die sogar noch wenige Minuten vor dem Ende der Arbeitszeit (ab 1830 darf nicht mehr an den Boliden gewerkelt werden) uns in ihrem heiligsten Ort neben den Autos duldeten und uns sogar Poserphotos machen ließen.
Nur einmal kam jemand aufgeregt auf mich zu als ich ein Photo von der Box machte, denn kurz vorher wurde der Unterboden des Autos von Mark Webber gewendet und dessen Beschaffenheit ist wohl höchst geheim! Zum Glück war ich aber etwas zu langsam gewesen und mein Handy wurde nicht noch an Ort und Stelle unschädlich gemacht...! Abends ging es dann zur RB-Party an eine Wassersportanlage in der Nähe der Rennstrecke. Das komplette RB-Racing-Team war vor Ort und versuchte sich teilweise auf Wasserskiern. Insgesamt muss man sagen, dass der Formel-1-Zirkus durchaus ein feiererprobtes Volk zu sein scheint, auch einige Mitarbeiter der übertragenen Fernsehsender stimmten sich dort schon mal auf den folgenden Renntag ein. Letzteren erlebten wir dann wieder von den nicht so wirklich schlechten Plätzen mit Blick über einen großen Teil der Rennstrecke, nachdem wir zuvor die Ausfahrt der Flitzer aus der Boxengasse aus nächster Nähe verfolgen durften.
Dennoch blickten wir immer mal wieder auf die angebrachten Bildschirme um den Überblick über Zeitabstände, Boxenstopps und Überrundungen von Ex-Weltmeistern zu behalten! Zwar hat sich meine im letzten Beitrag mitgeteilte Befürchtung bewahrheitet, dass sich die Reihenfolge nach der ersten Kurve frappierend mit der nach dem Schwenken der Zielflagge ähnelte, doch es war ein Riesenerlebnis auch wenn das ganze Drumherum noch einmal imposanter erscheint (und in Wirklichkeit vielleicht auch ist) als das Rennen selbst.
Somit hatten unsere Knieverletzungen auch etwas Gutes, denn wann sonst waren wir während des Sommers mal in der Lage, solche Einladungen einmal annehmen zu können!? Nach sechs Wochen wettkampffreier Zeit hatten wir dann aber langsam endgültig genug von Fahrradergometern, Therabändern und Wackelbrettern - unser Comeback im Sand rückte näher! Das Turnier in der Partyhauptstadt Klagenfurt mussten wir noch verstreichen lassen aber an der idyllischen masurischen Seenplatte in Stare Jablonki kam es dann endlich zum herbeigesehnten Comeback. Zum nicht so wirklich schlechten sportlichen Abschneiden müsst ihr auf unsere Homepage gehen (binkreckermann.de), an dieser Stelle gibt es nur noch einen kurzen Überblick über Land und Leute.
Wir haben uns für sehr schlau gehalten und steuerten den "nur" 200 km vom Turniergelände entfernten Flughafen von Danzig an (verglichen mit 300 km Entfernung von Warschau). Leider blieb es auch hier nicht bei einer Fahrtzeit von unter drei Stunden weil Regenmassen und nachfolgende Staus ein zügigeres Durchkommen vereitelten. Dies war vielleicht aber auch ganz gut, denn die Fahrweisen der Shuttlefahrers dort auf baumgesäumten Landstraßen machen die Statistik nachvollziehbar, dass es in (fast) keinem anderen Land zu einer so großen Zahl an Verkehrsopfern kommt (gemessen an der Gesamtbevölkerung) wie in unserem östlichen Nachbarstaat. Ist man dann gesund aus dem Auto entstiegen muss man sich eigentlich gar nicht mehr körperlich aktivieren um die Müdigkeit aus den Gliedern zu bekommen, weil sich bei einem Dauerpuls zwischen 120 und 180, sowie dem reflexartigen Stemmen von Händen und Füßen gegen die Fahrzeugwand erst gar keine Schläfrigkeit einstellen kann...!
Entschädigt wird man dann aber nach der Ankunft durch die in einem anderen Beitrag bereits erwähnte Gastfreundschaft der polnischen Bevölkerung. Unermüdlich feuern die Polen ihre Teams an, um sich nach deren Ausscheiden Duos anderer Nationen auszugucken, die sie dann ebenfalls lautstark, bemalt und enthusiastisch unterstützen.
Der Veranstaltungsort selbst hat lediglich 700 Einwohner, weit und breit keine größere Stadt aber tausende (beach)volleyballverrückte Polen kommen von Mittwoch bis Sonntag einmal im Jahr an diesen Ort und feiern eine riesige Party.
Auf dem Centercourt gibt es in den Spielpausen Livemusik und auf dem gesamten Gelände sind die soeben unterlegenen Teams die einzigen schlechtgelaunten Menschen. Dies liegt nicht nur aber manchmal vielleicht auch ein wenig an den verabreichten Getränken: Ab und an weiß man nicht so genau ob der Urheber des Autogrammwunsches schon oder noch nach etwas Höherprozentigem riecht... Wir haben uns auf jeden Fall mal wieder sehr wohl gefühlt trotz täglichen Gewitters und Partymusik bis weit nach Mitternacht und freuen uns bereits auf das nächste Jahr! Nun gilt es schnell zu regenerieren, denn bereits in dieser Woche findet die Europameisterschaft im heimischen Berlin statt - dort möchten wir topfit an den Start gehen! Bis dahin, viele Grüße und eine schöne Woche,
Euer Jonas
23.07.2010
Gruß aus der Reha
Lang ist es her, seit dem letzten Eintrag an dieser Stelle! Höchste Zeit, mal wieder ein Lebenszeichen von mir zu geben aber die Pause hatte durchaus ihre Gründe!! Als erstes wäre da anzumerken, dass ich erst seit exakt 5 Minuten mein Panini-Album komplett habe und mich daher in meiner Freizeit anderen Dingen zuwenden kann als den mehr oder weniger gelungenen Portraits der Suarez, Müller und Cardosos dieser Welt! Am Ende wurde es noch ein wenig eng, denn ich habe es nicht eingesehen, mir Päckchen um Päckchen zu kaufen nur um festzustellen ob ich die in den Händen haltenden Gesichter nur doppelt oder schon dreifach habe. Auch die erfreuliche Sache mit den glitzernden Bildern hat sich nach einiger Zeit relativiert, denn zumindest die Wappen Paraguays und Australiens dürften auf jeden Fall im Großraum Köln sogar blind nachgemalt werden können, so häufig waren sie in den Tütchen vorzufinden! Bei mir jedenfalls hat nur das Gesicht vom Nachwuchsindianer Demichelis für vergleichbares Aufstöhnen gesorgt. Mit Hilfe von Tauschpartnern, sowie Lesern meines Blogs (vielen Dank noch einmal für die unzähligen Tauschangebote - mit den Bildern vom Klosesalto könnte ich mühelos die Abstellkammer tapezieren...!) habe ich das Album dann aber doch noch komplettieren können. Die letzten beiden Spieler waren übrigens weder Messi noch Ballack, sondern die weltbekannten Herren Yuki Abe und Danilo Elvis Turcios aus Japan bzw Honduras!
Die zweite Sache die einen früheren Blogbeitrag verhinderte war leider eine Verletzung. Julius und ich hatten es ja mit dem Teamgefühl ein wenig übertrieben und uns innerhalb eines Spieles in Prag einen Innenband- bzw Meniskusriss zugezogen und durften somit gemeinsame Wochen in der Reha verbringen! Kaum einen Satz habe ich in den vergangenen drei Wochen häufiger gehört als diesen: "Das ist natürlich Pech aber wenigstens hast Du jetzt mal viel Zeit"! Ich ahnte schon vor dem Beginn der Reha, dass dem vermutlich nicht so sein würde, denn heutzutage ist komplette Ruhigstellung auch nach einer OP verpönt und so kam es dann auch: Bereits am Tag nach dem Eingriff, und von dort an täglich, ging es zum Physiotherapeuten, nach zwei Tagen machte ich schon komische Übungen die irgendwo zwischen BOP-Gymnastik (Betonung auf dem "O") und Koronarsport anzusiedeln waren und nach drei Tagen saß ich bereits wieder auf einem Fahrradergometer.
In der zweiten Woche ging es dann so richtig rund und ich fragte mich ob da nicht ein Missverständnis vorliegt. Der Begriff "Rehabilitation" wird wörtlich wohl am besten mit "Wiederherstellung" übersetzt. Sehr bald habe ich mich aber gefragt "als was" die mich wiederherzustellen gedenken? Kurzfristig hatte ich den Verdacht, dass meine Akte vertauscht wurde und sich irgendein Nahkampfspezialist mit Extremsporterfahrung gerade fragt warum er denn immer einen Beachvolleyball in die Hand gedrückt bekommt und nicht ausgelastet ist!? Dies stellte sich leider als Trugschluss heraus und ich akzeptierte es, dass ich fortan mehr Zeit im Rehazentrum als zu Hause verbrachte - auch weil ich mir natürlich keine Blöße geben durfte vor den Zweit- und Erstligafußballern, die dort ebenfalls nach Kreuzband-, Syndesmose- oder Innenbandrissen wieder um den Anschluss ans Mannschaftstraining kämpften.
Die Zeit der Reha hat aber auch ihre positiven Seiten: Man lernt neben Profisportlern aus verschiedensten Sportarten (neben Fußballern waren Eishockey- und Tennisspieler vor Ort) auch ganz neue Muskelgruppen kennen! Wer schon mal über den Boden gerobbt ist, ohne mit dem Bauch oder Knien den Boden berühren zu dürfen, dabei Gummibänder zwischen den Fuß- und Handknöcheln gespannt und einen Fußball auf dem Kopf balanciert hat wird wissen wovon ich schreibe...
Natürlich male ich die Rehazeit nun in tiefschwarzen Farben aus und vergesse beinahe die schönen Momente: Die Therapeuten sind ebenso motiviert wie ihre Zöglinge, man hat trotz der Verletzung immer das Gefühl, Sportler zu sein, kann aktiv am Genesungsprozess mitwirken und gleichzeitig den Muskelschwund so gering wie möglich halten. Auch gibt es immer ein Highlight der Woche: Freitags treten Sportler und Therapeuten zum großen Kuchenspiel an! Hierbei kommt es zu folgender Anordnung der zweckentfremdeten Folterutensilien: Die beiden Schaumstoffwürfel werden übereinandergestellt, darauf ein Miniball auf einem Markierungshütchen drapiert und Letzterer muss aus ca vier Meter Entfernung im Stile einer Gummiflitsche mit dem bereits angesprochenen Gummiband abgeschossen werden. Pro Mann/Frau drei Schuss, bei gleicher Zahl an Fehlversuchen kommt es zum Stechen, der Verlierer muss zu Beginn der darauffolgenden Woche einen Kuchen backen und mitbringen. Bisher ging der Kelch noch an mir (und damit auch an den anderen) vorüber und auch am heutigen Freitag werde ich alles daran setzen, am Montag nicht zwei Kuchen mitbringen zu müssen. Denn da ich am Wochenanfang wohl meinen Ausstand geben darf und ins sportarttypische Krafttraining "entlassen" werde, bin ich nach guter Sitte ohnehin schon in der Pflicht, etwas Essbares im Ofen zu zaubern - es wird wohl auf einen Kirschkuchen nach Mutternart hinauslaufen...! Jetzt aber genug der Reha-Nichtigkeiten und noch ein kurzer Ausblick aufs Wochenende: Auf Einladung unseres Partners RedBull sind wir bei der Formel1 am Hockenheimring zu Gast. Ich war noch nie bei einem Rennen live vor Ort und wenngleich ich zugebe, dass ich mir in der Regel nur den Start anschaue (die Platzierung nach der ersten Kurve deckt sich ohnehin zu 90 % mit dem Endresultat), so freue ich mich doch auf ein Erlebnis der besonderen Art - Tinnitus inklusive! Hiervon und von anderen Dingen werde ich dann beim nächsten Mal berichten! Ich wünsche allen ein schönes Wochenende und möchte insbesondere Denjenigen viel Spaß beim Schauerwetter im Freibad wünschen, die sich zuletzt über die Temperaturen jenseits der 35 ° C beschwert haben...!
Viele Grüße aus Köln
Jonas
16.06.2010
Dobrý den z Prahy
Unsere Tour durch den Osten Europas geht weiter und macht nach Polen und Russland diesmal im schönen Prag Station. Hatten wir bis Montagabend noch in Moskau gespielt, müssen wir am Donnerstag bereits wieder in der Hauptstadt Tschechiens ran. Doch zunächst einmal ein kleiner Rückblick:
Mit Germanwings angekommen an einem der vier (!) großen Flughäfen Moskaus empfing uns gleich das für die Metropole typische Straßenbild: Verstopfte Verkehrswege. Egal zu welcher Tageszeit - meist geht es nur im Schneckentempo voran, bleibt also genügend Zeit für eine Kurzanalyse der Blechlawine: Vom klapprigen Lada aus Sowjetunionszeiten bis hin zur Luxuskarosse ist so ziemlich alles vertreten, allerdings fällt auf, dass eben diese beiden Autotypen deutlich häufiger vorkommen als Mittelklasseautos der Größenordnung Polo bis Passat (Nein, mit VW habe ich nichts am Hut, ich fahre smart). Somit deckt sich das Straßenbild recht exakt mit meinen sozialdemographischen Eindrücken aus den letzten Aufenthalten in Moskau oder auch Sotchi: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist entweder relativ arm oder eben sehr, sehr reich, eine breite Mittelschicht lässt sich hier nicht finden.
Aufgrund von nationalen Feierlichkeiten am Wochenende wurde der Spielplan ein wenig entzerrt, insgesamt gab es fünf statt der üblichen vier Turniertage. Zwar bedeutete dies einen etwas längeren Aufenthalt an einem derjenigen Orte die nicht unbedingt zu meinen Favoriten innerhalb des Turnierkalenders zählen aber gleichzeitig bot sich damit auch die Möglichkeit, möglichst viel von der Fußball-WM mitzubekommen! Auch die Turnierleitung hatte ein Einsehen mit den Spielansetzungen, so dass ich teils stolz, teils beschämt behaupten kann, bisher von jedem WM-Spiel mindestens eine Halbzeit live gesehen zu haben. Bisherige Highlights waren natürlich das Spiel der Deutschen gegen Australien (Bei welchem Verein spielt eigtl dieser Podolski und ist der mit dem vom FC verwandt??), der unhaltbare Hammer der Amis gegen England und auch Frankreich gegen Uruguay war sensationell geeignet, um mich in den Schlaf zu wiegen!
Zwar hat Julius mich für bekloppt erklärt als ich im Zimmer angekommen sofort den Fernseher eingeschaltet habe, um keine Sekunde von Algerien gegen Slowenien zu verfolgen aber hey - WM ist eben nur alle vier Jahre! Und dass in einer Mannschaft gleich zwei Spieler vom FC zur Stammelf gehören, gab es seit 1990 auch nur noch selten bis gar nicht.
Auch unter den Spielern eines Beachvolleyballturniers ist während einer WM natürlich Fußball ein großes Thema. Noch am Tag vor dem ersten Spiel "unserer Mannschaft" versammelten sich die deutschen Beachvolleyballer für ein Gruppenphoto, das kurz darauf als Grußbotschaft zur Delegationsleitung der DFB-Kicker nach Südafrika gefaxt wurde. Vermutlich bekommen Arne, Mesut und Co das Bild nie zu Gesicht aber zumindest wir hatten Spaß und den Glauben, unsere Fußballer damit zu unterstützen!
Besonderen Spaß macht natürlich auch das internationale Rudelgucken. Zwar musste man den Amis erst mal erklären, dass gerade die Fußball-WM stattfindet, die USA sogar dabei ist und von allen außer den Engländern im ersten Spiel unterstützt werden aber die meisten anderen Beachvolleyballer sind ebenfalls im WM-Fieber. So ist es auch nicht verwunderlich, dass unsere holländischen Kollegen intensivst den Australiern die Daumen drückten und uns noch in der Halbzeitpause erzählen wollten, dass das 2:0 sehr glücklich für Deutschland sei. Der englische Schiedsrichtereinsatzleiter schämte sich für "seinen" Torhüter in Grund und Boden und der italienische Turnierleiter verließ mit leicht feuchten Augen unterhalb einer zerfurchten Stirn unter Beobachtung von ca. 40 von Lachfalten umsäumten Augenpaaren bereits zur Halbzeitpause des Spiels gegen Paraguay die Hotellobby.
Apropos Fußball: Inspiriert vom Spiel unserer Nationalmannschaft wollte ich am Tag danach auch meinen Beitrag dazu leisten, dass deutsche Fußballer nicht mehr nur als ein mit Maltafüßen durch die WM rumpelnde Turniermannschaft angesehen werden, sondern als filigrane Virtuosen mit dem Hang zum Besonderen! Es geschah im Spiel gegen die Olympiasieger, leider verloren wir unsere einzigen beiden Sätze des gesamten Turniers in diesem Halbfinalduell, spielten uns allerdings unter anderem mit dieser Szene in die Herzen der russischen Zuschauer (klingt komisch - ist aber so). Aber seht hier selbst.
Zunächst hatte ich mich nach diesem Ball gefragt warum die Amis nach dem Kick nicht einfach weitergespielt haben aber da wären wir wieder beim Ausgangsthema: Weil sie von Fußball - Entschuldigung - keine Ahnung haben! Für die war der Ballwechsel im Moment der Fußberührung beendet, weil es in ihren Augen unmöglich ist, damit einen Ball in der Luft zu halten. Hätten wir gegen Brasilianer gespielt - die hätten den Ball vermutlich mit der Brust angenommen und zurückgeköpft...
Das ist jetzt aber alles fast wieder vergessen, das nächste Turnier steht vor der Tür und findet leider wieder im Land eines Nicht-WM-Teilnehmers statt. Somit müssen wir wohl wieder selbst für WM-Stimmung sorgen, freue mich schon auf Freitagabend wenn England im Duell mit Algerien zum nächsten Spiel mit hohem Blamagepotential antritt...
Bis zum nächsten mal, muss jetzt Schluss machen, Honduras - Chile fängt gleich an...
Euer Jonas
09.06.2010
Im Klebefieber
Ein fröhliches "Hallo" aus Moskau!Die vergangene Woche war ein wenig ruhiger, nach dem Turnier in Polen waren wir inflationäre 9 Tage am Stück zu Hause, weil wir aufgrund einer leichteren Blessur von Julius das Turnier der smart-Beachcup- Serie in Hamburg absagen mussten. Das ist aber ausgestanden, dieser Bericht kommt bereits aus Moskau, wo das zweite Grand-Slam-Turnier des Jahres stattfindet. "9 Tage" hört sich erst mal nicht sonderlich lang an aber es hat zum Beispiel nicht nur dazu gereicht, die Oberfläche meines Schreibtisches wieder freizulegen, sondern auch um endlich in WM-Stimmung zu kommen! Nein, in diesem Jahr gibt es keine Beachvolleyball-WM - die Fußball-WM ist natürlich gemeint. Schuld am allmählich grassierenden WM-Fieber sind Julius und Martin Demichelis. Auf den ersten Blick eine etwas suspekte Kombination aber schnell erklärbar: Julius hat mir zu meinem Geburtstag neben einer FC- Köln-Espressotasse (!) ein Panini-Album inklusive einer Grundausstattung an Tütchen geschenkt. Lediglich zwei Sekunden habe ich mich gefragt ob ich dafür nicht zu alt bin, aber noch in der dritten Sekunde überkamen mich die Bilder an kaum verblasste Kindheitserinnerungen. Mein letztes, ernsthaft gefülltes Album dürfte die EM-1992 gewesen sein, da war ich 13 und kurze Zeit später wurde das Sammeln von Klebebildern vermutlich uncool... Innerhalb kürzester Zeit war ich jetzt aber wieder im Panini-Fieber, habe noch auf dem Heimweg meiner Freundin ebenfalls ein Album gekauft und kaum am Tisch gesessen wurden die ersten Tütchen aufgerissen. Wer noch nie gesammelt hat, wird das jetzt und vermutlich den ganzen Blogbeitrag nicht verstehen. Aber es ist sofort wieder wie vor knapp 20 Jahren: Der gleiche leichte Geruch nach Klebstoff beim Öffnen der Tütchen und natürlich das vorsichtige Auffächern der 5 zum Vorschein kommenden Bilder, verbunden mit einem leisen Aufschrei der Entzückung wenn ein silbernes Wappen oder ein deutscher Spieler zum Vorschein kommen. Wappen und Spieler der Nationalmannschaft haben natürlich auch beim Tauschen einen höheren Wert: Wer die 1:1 eintauscht gegen Chilenen, Australier oder Algerier fällt auch auf schlechte Trickdiebe herein und fährt mit einem ICE-Ticket im ÖPNV! Und was hat nun Demichelis damit zu tun? Nun ja: Nach dem Öffnen der ersten 15 Tüten konnte ich keinen (!) einzigen US-Amerikaner in mein Album einkleben, hatte dafür aber Bayerns Innenverteidiger bereits vierfach! Nun könnte man den Kollegen natürlich einscannen, amerikanisches Trikot per Photoshop anziehen, ausdrucken und als Landon Donovan wieder einkleben, aber das ist natürlich genauso verboten wie das Nachbestellen noch fehlender Bilder bei Panini oder das Öffnen von mehr als 7 Tüten täglich. Letzteres könnte ich mir im Gegensatz zu den Kindeszeiten zwar theoretisch leisten, aber der Spaß über mehrere Wochen bliebe auf der Strecke, außerdem möchte man sein Album ja möglichst günstig füllen - und dazu gehört natürlich auch cleveres Tauschen!
Dem Sohn des Kioskbesitzers um die Ecke fehlen zum Beispiel nur noch 5 Bilder (mir noch ca 150). Deren Nummern habe ich mir aufgeschrieben und sondiere meine frisch ausgepackten Bilder nach den betreffenden Spielern. 4 von 5 habe ich mittlerweile zusammen, 3 davon fehlen mir selbst noch, doch die soll dennoch der Junge bekommen! "Das ist aber selbstlos von Jonas, zuerst das Album des Jungen zu komplettieren" könnte man jetzt sagen. Mitnichten! Keine Gefälligkeit sondern reines Kalkül waltet hier! Ich habe nämlich gesehen, dass der etwa 10-jährige Junge an die 300 doppelte Bilder besitzt und diese nach dem Einkleben des letzten fehlenden Bildes natürlich nicht mehr benötigt...! So ein Panini-Album ist schon aufregend, bis heute kenne ich noch den Namen des letzten Spielers der mir als 7-jähriger Junge während der WM 1986 zu meinem Panini-Glück noch fehlte: Nicht das deutsche Wappen, Schwiegermutters Liebling Michael Frontzeck oder Haar-Model Hans-Peter Briegel (siehe nachfolgende Bilder von meinem 86-er Albums), sondern: Jan Molby, Dänemark!!
Wie man überhaupt sagen muss, dass diese Alben wirklich bilden! Wo lernt man schon sonst, dass die Fans auf den Stirnseiten des 61.639 (!) fassenden Ellis Park Stadiums möglichem Regen gnadenlos ausgesetzt sind, Mirnes Sisic aus Slowenien an einen hageren Robbie Williams erinnert
und Kaka eigentlich "Ricardo Izecson Dos Santos Leite" heißt!?
Leider hat aber auch hier die Kommerzialisierung Einzug gehalten: Ein Brausehersteller aus Atlanta ist Panini-Partner, die vier Torjubel- Bilder von Miro Klose (steht der wirklich in unserer Startelf am Sonntag????) kann man nur durch Kauf einer Kiste dieses Getränks erhalten. Da kommt mir eine Idee: Wer mir die vier Torjubel-Bilder schickt (Ich trinke das Zeug nämlich nicht) erhält zwei signierte Worldtourtrikots von mir (E-Mail an jonas@brinkreckermann.de)! Nun aber Schluss mit dem Panini-Kram, vermutlich finden das ohnehin die wenigsten Leser so spannend wie der Verfasser selbst, aber Berichte über das Aufräumen meines Schreibtisches wären sicherlich noch langweiliger...! Ich fühle mich jedenfalls gerüstet für die WM, lerne gerade noch die Vornamen der Nationalspieler Honduras auswendig und dann kann es am Freitag endlich losgehen! Bis dahin wird es auch zwischen unseren Spielen in Moskau nicht langweilig, denn die Geburtsstädte der algerischen Spieler habe ich auch noch nicht drauf und mit im Gepäck sind natürlich ein paar Tütchen Klebebilder, mit Julius habe ich mich schon zum Tauschen verabredet...!
In diesem Sinne,
Euer Jonas
30.05.2010 Dzién dobry!
Es sind nun schon ein paar Tage vergangen seit meinem letzten Bericht, im polnischen Niemandsland zwischen Krakau und Kattowitz finde ich nun aber Zeit und Muße, die letzten zwei Wochen Revue passieren zu lassen. Noch gar nichts berichtet hatte ich über unseren Trip in die ewige Stadt. Getreu dem bekannten Sprichwort musste ich mir über die Anreise ja keine Gedanken machen und in der Tat brachte mich Alitalia (Einmal angefangen muss ich ja nun alle Airlines nennen...) sicher nach Rom. Welche Eindrücke habe ich mitgenommen? Nun ja: Positiv erwähnenswert sind sicherlich Speis und Trank. Gute Pasta an jeder Ecke und auch das Servieren eines guten Espressos scheint dort irgendwie einfacher zu sein als in den meisten anderen Ländern. Schon bei meinem letzten Italienaufenthalt hatte ich ja festgestellt, dass die Italiener ein sehr sportbegeistertes Völkchen sind. War Italien in Sachen Beachvolleyball bisher ein Entwicklungsland, zu dominant ist hier der Hallenvolleyball, so merkt man, dass nun auch die Sandvariante ernst genommen und interessiert verfolgt wird, eine ganz besondere Atmosphäre herrschte bei den Flutlichtspielen.
(hier ein Photo von einem Außencourt)
Leider ist aber auch eine andere Entwicklung nicht von der Hand zu weisen: Rassismus im italienischen Sport. Ob (verbotener, weil faschistischer) römischer Gruß von Fußballspielern, Affengeräusche bei Ballkontakten von dunkelhäutigen Spielern oder rassistische Transparente und Choreographien in den Fankurven: In italienischen Fußballstadien sind diese Dinge längst nicht mehr die Ausnahme und haben schon zu Schließen der Fankurven oder sogar zu Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt. Leider scheint dies nicht nur auf die Sportart Nummer eins beschränkt zu sein, denn selbst bei unserer eigentlich eher toleranten Stimmungssportart Beachvolleyball kam es zu einzelnen Entgleisungen verbaler Art auf den Rängen. Über den Spitznamen "Margarina" aufgrund meiner beachvolleyballuntypischen Hautfarbe konnte ich noch schmunzeln, erstmals wurden Julius und ich während des Spiels aber auch mehrfach als "german Nazis" beschimpft, auch andere nicht unbedingt zu wiederholende Kommentare kamen aus dem Publikum.
Es passierte im Spiel gegen ein italienisches Brüderteam, denen selbst und sicherlich auch der absoluten Mehrzahl der Zuschauer diese Zwischenrufe natürlich sehr unangenehm waren, unmittelbar nach Spielende entschuldigten sich die Beiden für das Verhalten ihrer Landsleute. Natürlich waren diese Zuschauer in der absoluten Minderheit, der Großteil der Italiener feuerte ihr Team zwar mit der typischen, südeuropäischen Inbrunst an, doch beließ es bei dem was es war: Einem Sportereignis.
Vielleicht gleich an dieser Stelle ein 1.500 Kilometer langer Schwenk in nordöstlicher Richtung ins polnische Myslowice. Ich möchte nun nicht zu politisch werden, doch befinden wir uns hier lediglich 35 Kilometer von Auschwitz entfernt und auch sonst hätte ich durchaus Verständnis für vereinzelte Vorbehalte oder zumindest Zurückhaltung gegenüber Deutschen. Doch wie bereits an vergangenen polnischen Turnierorten sind mir die Gastgeber und Zuschauer als ausgesprochen gastfreundliche, zuvorkommende und offene Menschen aufgefallen. Selten ist es bisher so gewesen, dass in einem Spiel ohne Beteiligung eines Teams des Gastgebers die Mehrzahl der Zuschauer ein deutsches Team unterstützt. Ob die oft vorherrschende Skepsis gegenüber deutschen Teams nun berechtigt, "normal" oder vielleicht unverständlich ist kann und ich will ich nicht beurteilen. Doch kann ich sagen, dass es als Profisportler ein schönes Gefühl ist, allein nach sportlichen und (nicht von der Staatsangehörigkeit beeinflussten) Sympathiemaßstäben beurteilt und unterstützt zu werden.
Das alles hört sich jetzt vielleicht dramatischer an als es vor Ort war, wir haben uns auch in Rom durchaus willkommen gefühlt, aber bei zwei so kurz aufeinanderfolgenden Turnieren nimmt man atmosphärische Unterschiede natürlich ganz besonders war.
Um nun auf etwas sichereres Terrain zu wechseln lobe ich nun mal das Wetter! Im letzten Jahr hatten wir das wettertechnisch schlimmste Turnier des Jahres, 8 Grad und Regen waren damals Saisonminusrekord. Auch in diesem Jahr rechneten wir nach den Hochwasserbildern der letzten Tage mit dem Schlimmsten, zwischenzeitlich stand wohl in der Tat die Austragung des Turniers auf der Kippe und auch die Vorhersage 10 Tage vor Turnierbeginn ließ auf nichts Gutes hoffen.
Seit unserer Ankunft blieb die Regenjacke jedoch im Schrank, die Sonnencreme kam dagegen sogar schon zum Einsatz (Jaja, als "Margarina" muss man die auch schon bei kleineren blauen Flecken am Himmel benutzen) und auch die Spielfelder sind nicht den Fluten der vergangenen Wochen zum Opfer gefallen. Wie wir uns geschlagen haben erfahrt ihr unter brinkreckermann.de, der nächste Bericht über das Geschehen abseits der 64 Quadratmeter folgt wie immer an dieser Stelle, dann vielleicht mit weiteren Eindrücken aus "dem Osten", denn als nächste Tourstopps stehen Moskau und Prag auf dem Programm!
Bis dahin, viele Grüße und einen schönen Tag,
Euer Jonas 10.05.2010 大家好
Auch ohne tiefere Mandarinkenntnisse lässt sich leicht erraten von woher dieser Blogbeitrag kommt - richtig, China. Geographisch präzisiert lautet die Antwort dann Shanghai, allerdings habe ich mich nicht auf der gerade eröffneten Expo herumgetrieben, sondern ca 90 Autominuten außerhalb der Metropole ein Turnier der Weltserie gespielt (Sportliche Details unter brinkreckermann.de).
Zu Beginn dieses Beitrags möchte ich noch einmal kurz zurückblicken.
Sehr viele positive Reaktionen habe ich auf den letzten Blogbeitrag über unsere Reiseplanungen Richtung Brasilien erhalten, dies gipfelte im Abdrucken meiner Zeilen in einer Zeitung. Das Ganze übrigens ohne mein Wissen - dürfen Blogbeiträge eigentlich generell einfach übernommen werden!? Nun möchte ich mich weniger selbst beweihräuchern als mehr die Erwartungshaltung für folgende Beiträge senken, denn zum einen kommt es hoffentlich nicht all zu häufig zu Naturereignissen mit solch weitreichenden Auswirkungen auf das öffentliche Leben und zum anderen werde ich nicht immer so viel Zeit finden, eine gefundene Steilvorlage in epischer Breite für meinen Blog zu nutzen. Häufig kamen auch Nachfragen ob Lufthansa ein Sponsorpartner von uns wäre, weil ich diese so häufig und positiv erwähnt hatte. Antwort: Leider nein! Jedes Jahr aufs Neue versuchen wir, die Lufthansa als Reisepartner für uns zu gewinnen, um die Anreisen zu Turnieren oder Umbuchungen einfacher zu gestalten - bisher leider vergebens. In diesem Falle war es wie beschrieben der Verdienst eines einzelnen Mitarbeiters, dass wir noch nach Brasilien gekommen waren. Aber nach so viel kostenloser Werbung überlegt es sich LH vielleicht noch einmal...
Anders als vor unserer Abreise nach Brasilia kam uns diesmal kein Vulkan oder Ähnliches in die Quere, völlig problemlos verlief unser Flug von Frankfurt in die wirtschaftliche Hauptstadt der Volksrepublik - diesmal war übrigens Air China unser Reiseveranstalter. Erneut kam ich in den Genuss einer Viererreihe für mich alleine - ein wahres Privileg auf einem zehnstündigen Nachtflug! Dementsprechend nervös war ich auch, dass sich nach dem Start weitere Passagiere für einen der drei freien Plätze neben mir interessieren würden - das hätte natürlich meine Liegewiese kaputt gemacht. Flugs verteilte ich also noch vor dem Start meinen Rucksack, drei Zeitungen und zwei Wasserflaschen auf diese Sitze und begab mich eine Sekunde nach dem Erlöschen der Anschnallzeichen in die Waagerechte, um letzte Zweifel am Besitzer dieses Miniluxus in der Holzklasse zu zerstreuen (Spätestens nach dieser Schilderung fühlt sich LH in der Nichtunterstützung unseres Teams vermutlich bestätigt...).
Da ich im Sitzen ähnlich gut schlafen kann wie nach dem Verzehr von 10 Tassen Filterkaffee am helllichten Tag, ignorierte ich die bösen Blicke meiner Mitflieger und stellte mich bis zum Abendessen schlafend. Nach dem Abendessen konnte ich aber tatsächlich den Vorteil der Viererreihe nutzen, kam auf diese Weise immerhin zu einigen mehr oder weniger erholsamen Stunden Schlaf und betrat mit Julius gegen Mittag des Folgetages chinesischen Boden.
Zwar tat der Schlaf dem Organismus natürlich gut, doch half er letzterem auch nicht wirklich über das Jetlagproblem hinweg. Wer schon mal sechs Stunden Zeitverschiebung in östlicher Richtung miterlebt hat wird wissen wovon ich schreibe. Laut meiner persönlichen Erfahrung ist es so: Weniger als 5 Stunden steckt ein halbwegs fitter Organismus relativ entspannt weg. Bei mehr als 8 Stunden ist eigentlich alles egal, weil man dann eine so lange Reise hinter sich hat, dass der Körper ohnehin nicht mehr weiß wo oben oder unten ist - beste Voraussetzung den neuen Tagesrhythmus anzunehmen. Problematisch ist die Zeitverschiebung in der Mitte, also zwischen 5 und 8 Stunden. In diesem Fall waren es 6 Stunden die wir früher als im heimischen Mitteleuropa dran waren und das macht sich dann auch bemerkbar. Die erste Nacht geht meist noch ganz passabel um, weil man so müde von der Reise ist, dass der Körper das vielleicht auch als längeren Mittagsschlaf durchgehen lässt ;) In der zweiten Nacht kommt dann jedoch meist der Hammer: Abends um 22 Uhr hat man auf einmal Lust auf Kaffe und Kuchen, zwingt sich jedoch ins Bett zu gehen. Schläft man dann irgendwann nach Mitternacht endlich ein, denkt man beim ersten Aufwachen, dass gleich der Wecker gehen müsste, dabei ist es gerade einmal eine Stunde nach "irgendwann nach Mitternacht". Steht man dann noch auf und geht auf Toilette wird es ganz gefährlich, denn der Körper fühlt sich dann sogleich in seiner Annahme bstätigt, dass es eigentlich Zeit für den abendlichen Spielfilm wäre und schaltet um auf "Körperfunktionen aktivieren"! Also am besten den Harndrang unterdrücken und wahlweise Schäfchen zählen oder mit starrem Blick auf den Wecker den Körper auf die neue Zeit programmieren. Nach gefühlten 14 Schlafunterbrechungen klingelt dann morgens um 7 Uhr der Wecker und man denkt zunächst, dass dieser sich wohl vertan hat, denn man wähnt sich völlig zurecht in der ersten Tiefschlafphase der Nacht... In so einem Falle quäle ich mich dann sicherheitshalber immer direkt raus auf dem Bett und mache schnell laute Musik an - quasi die Hauruckmethode. Wir hatten Internet auf dem Zimmer, so dass ich schnell zum Computer ging, um mich vom heimischen Einslive per Webstream wachhalten zu lassen. Dies war jedoch keine gute Idee: Ich habe nämlich nicht beachtet, dass dieser Livestream logischerweise "live" das Radioprogramm von Einslive in die weite Welt hinaus liefert und was kommt um ein Uhr Nachts? - Richtig, Domian!!!! Da ich dann auch gleich eine Schlaftablette hätte einwerfen können, zog ich die kalte Dusche vor und machte mich dann auf den Weg in den Frühstücksraum. Ich glaube, die Chinesen haben sich einen Spaß daraus gemacht, unseren Organismen die Eingewöhnung zu erschweren: Zum einen dudelte eine Elvisplatte aus seiner sentimentaleren Schaffensperiode nonstop vor sich hin und wirkte eher einschläfernd denn aufweckend und auch das angebotene Essen findet man zumindest an keinem europäischen Frühstücksbüffet! Zum einen gab es Würstchen in diversen Variationen aber eben auch Pommes (!) und Blumenkohl! Nach dem Öffnen des Deckels der letzten Buffetkreation wurde ich dann jedoch mit einem Schlag hellwach und produzierte innerhalb weniger Sekunden ausreichend Adrenalin für sämtliche Spiele des Tages. Ich denke, in diesem Falle sagt ein Bild mehr als tausend Worte...
Ein weiteres Problem der Zeitverschiebung ist die Aktualität des Internets. Bis in den frühen Nachmittag hinein aktualisiert man die deutschsprachigen Sport- und Nachrichtenseiten vergeblich, denn frühestens um 14 Uhr Ortszeit erwachen die Redakteure zu Hause und beschäftigen sich mit dem Hochladen neuer Artikel. Dafür hat es schon einen gewissen Charme und es erscheint einem gleichzeitig ein wenig surreal wenn man aus 6000 Meilen Entfernung den Staumeldungen in NRW ab 4 Kilometern Länge per Internetradio lauscht. Hat man dann endlich die innere Uhr mit diversen Tricks (zB Tatort von DVD um Punkt 20:15 Uhr Ortszeit gucken) an die chinesische Zeit gewöhnt, befindet man sich auch schon wieder auf dem Weg zum Flughafen. Im optimalen Falle auch noch auf dem Weg zum richtigen Flughafen, letzteres ist Julius leider nicht ganz gelungen. Als wir in der Abflughalle auf keinem Bildschirm seinen Flug finden konnten und uns auch die nette Frau am Informationsschalter mitteilte, dass dieser Flug nicht in ihrem System zu finden sei, schaute Julius noch einmal genauer nach und entdeckte die unheilvollen Flughafenkürzel. Die Taxifahrt dorthin hätte ihn eine Stunde gekostet, er wagte also den Versuch, bei Air China nachzufragen ob er nicht auch den gleichen Flug wie ich nach Peking nehmen und sich die Fahrt zum zweiten Flughafen von Shanghai sparen könnte. Was bei einer deutschen Fluggesellschaft im günstigsten Falle eine kühle verneinende Antwort mit Hinweis auf Buchungsbestimmungen und im ungünstigeren Falle ein müdes, kopfschüttelndes Lächeln ausgelöst hätte, war bei Air China überhaupt kein Problem. Innerhalb von zwei Minuten war Julius auf den neuen Flug mit neuem Abflughafen kostenlos (!) umgebucht!
Und bevor jetzt wieder Fragen auftauchen: Nein, auch mit Air China sind wir in keiner Art und Weise verbandelt... So befinde ich mich nun auf dem knapp zweistündigen Flug Richtung Peking, mit etwas Glück kann ich dann dort sowohl diese Zeilen abschicken als auch die Schlussphase des letzten Bundesligaspieltags im Internet verfolgen. Letzteres wäre nicht so ganz schlecht, muss ich mich doch auch in Sachen FC auf dem Laufenden halten, denn am Montag werde ich zusammen mit Matthias Scherz beim FC-Stammtisch zu Gast zu sein und meine mehr oder weniger gehaltvollen Kommentare zur dann abgelaufenen Saison zum Besten geben.
Ob ich die Aufzeichnung der Sendung ohne jetlagbedingte Nickerchen überstanden habe werde ich dann beim nächsten Mal berichten. Allen Lesern noch ein schönes Wochenende!!
Euer Jonas 20.04.2010<
Olá de Brasil!!
Diese Zeilen kommen in der Tat aus Brasilien, genauer gesagt aus Sao Paulo und dies dürfte zumindest diejenigen verwundern, die mich bis zum Montag noch in Deutschland gesehen oder gesprochen haben. Der Luftraum über Deutschland war seit Freitag dicht und eigentlich hatten wir unsere Saisonpremiere in Südamerika bereits aufgegeben. Schließlich haben wir doch noch einen Weg durch Tarifdschungel, Fehlinformationen, Aschewolken und überfüllte Züge gefunden - doch seht selbst: Da es sich um eine nicht alltägliche Reiseplanung handelte, habe ich mir mal die Mühe gemacht und die wichtigsten Schritte auf dem Weg zum Lufthansaflug 506 nach Sao Paulo (während des Flugverbots) einmal chronologisch aufgelistet:
04. Januar
09:00 Uhr: Ich überlege mir, mit welcher Fluggesellschaft wir fliegen sollten, um mit möglichst günstigem Ticket dennoch unser Meilenkonto füllen zu können.
09:10 Uhr: Quäle Expedia.de mit diversen Abflughäfen in Westdeutschland
09.14 Uhr: Nur Frankfurt und Ddorf kommen in Frage
09:47 Uhr: Nach Konsultation weiterer Flugsuchmaschinen finde ich heraus, dass man mit TAM am günstigsten reist (Kleinwüchsigenflieger IBERIA mal ausgenommen).
10:02 Uhr: Stelle fest, dass TAM zum Abreisezeitpunkt noch kein Mitglied der Staralliance sein wird
10:50 Uhr: Buche dennoch TAM, weil die immerhin mit Lufthansa kooperieren und uns die ebenfalls preiswertere portugiesische TAP im letzten Jahr kein Glück gebracht hat (War ziemlich krank, mussten absagen und sind kaum von Brasilien zurückgekommen)
11. Februar
14:00 st: Mein letztes Geographieseminar liegt exakt 4 Jahre zurück. Meine Kenntnisse über Tektonik im Allgemeinen und die Flugeigenschaften von Vulkanasche im Besonderen sind in etwa so präsent wie mein Wissen über Laichzeiten der kanadischen Wildbachforelle
26. Februar
20:15 Uhr: Ich schaue mir einen Dokumentarfilm über Vulkane an und erfreue mich ob der schönen und beeindruckenden Bilder!
22. März
18:00 Uhr: Sehe Bilder vom Vulkanausbruch auf Island und erfreue mich ob der schönen und beeindruckenden Bilder!
20:00 Uhr: Muss ein wenig müde lächeln, dass für mehrere Stunden der Flugbetrieb von und nach Island eingeschränkt werden muss. Denke: "Da hat uns die Natur aber ein Schnippchen geschlagen..."
02. April - 14. April
00:00 - 24:00 Uhr: Habe kein einziges mal an Vulkane gedacht oder das Wort gehört
15. April
08:00 Uhr: Lese im Internet, dass der Vulkan auf Island erneut auszubrechen droht
15:00 Uhr: Höre im Radio, dass der Vulkan wieder ausgebrochen ist
15:02 Uhr: Freue mich auf die schönen Bilder am Abend in den Nachrichten
16. April
09:00 Uhr: Lerne in den Nachrichten, dass Vulkanasche in der Lage ist zu fliegen und Wolken zu bilden
10:00 Uhr: Die ersten Flugverbote in Mitteleuropa werden ausgesprochen
14:00 Uhr: Höre, dass in Madrid einige deutsche Beachvolleyballerinnen festsitzen und wegen dieser komischen Vulkanasche nicht weiterfliegen können - muss ehrlich gesagt ein wenig schmunzeln
14:03 Uhr: Überlege kurz ob ich mir Gedanken machen muss für unseren Abflug am 18.04., beschließe aber, dass das Quatsch ist und der Flugverkehr spätestens am Abend wieder reibungslos verläuft
20:00 Uhr: Das Flugverbot in Deutschland wird verlängert, der Flughafen in Madrid ist wieder auf - diesmal ist mein Lächeln leicht gequält
20:05 Uhr: Vermute, dass die Verkehrsminister im Verhängen von Flugverboten eine gute Gelegenheit sehen, von der Diskussion um kältewellebedingten Straßenschäden abzulenken
17. April
08:00 Uhr: Das Flugverbot wird verlängert
08:01 Uhr: Hake die Theorie mit den Verkehrsministern ab und beschäftige mich ernsthafter mit dem Thema
08:03 Uhr: Schicke unseren schwedischen Trainingsgästen eine SMS mit dem Inhalt, dass sie schon mal ein Auto anmieten sollen, um am nächsten Tag nach Hause zu kommen, versehe die Nachricht aber mit einem Smilie
14:00 Uhr: Das Flugverbot wird verlängert
14:01 Uhr: Schicke Julius eine SMS mit dem Inhalt ob wir uns wohl schon Sorgen machen müssen, dass unser Flug nach Brasilien am Sonntagabend nicht planmäßig stattfindet - verzichte auf Smilies...
15:00 Uhr: Die Nachrichtenlage lässt nichts Gutes für den nächsten Tag erahnen
15:02 Uhr: Ich mache mir ernsthaft Sorgen bezüglich der Durchführung unseres TAM-Fluges am nächsten Tag
15:05 Uhr: Ich rufe die TAM-Hotline an
15:25 Uhr: Es nimmt ein nette Dame ab und teilt mir mit, dass die Maschine für unseren Flug am nächsten Tag derzeit in Mailand steht und es mehr als fraglich ist, ob diese rechtzeitig nach Frankfurt kommt
15:02 Uhr: Hektisch werden Expedia.de, ebookers.com, opodo.de und alle Internetauftritte der Fluggesellschaften nach möglichen Brasilienflügen für Dienstagmorgen durchforstet (letztmögliche Variante, noch am Dienstag am Turnierort anzukommen)
15:19 Uhr: Stelle mit Schrecken fest, dass die einzigen buchbaren Flüge die von IBERIA sind - ich suche weiter
15:34 Uhr: Meine Augen werden leicht feucht, doch ich lasse einen Flug über Madrid nach Sao Paulo mit IBERIA reservieren - meine Knie schmerzen schon...
18:00 Uhr: Das Flugverbot in Deutschland wird verlängert
20:00 Uhr: Unser Flug mit der TAM für den nächsten Tag wird annuliert - es wird ernst...!
20:20 Uhr: Gehe in die Videothek und leihe mir eine Komödie aus, in der garantiert keine Flugzeuge oder Vulkane auftauchen
18. April
04:00 Uhr: Wache schweißgebadet auf, habe von einem Flug mit IBERIA zum Vulkan auf Island geträumt
08:00 Uhr: Das Flugverbot wird verlängert
08:20 Uhr: Stelle fest, dass ich die Flughafenkürzel sämtlicher europäischer und brasilianischer Großstädte auswendig beherrsche - bringt mich dennoch nicht nach vorne, weil man mittlerweile nirgends mehr Flüge buchen kann
09:00 Uhr: Flughafen Madrid bietet Flüge in die ganze Welt an
09:04 Uhr: Die Zugfahrt von Köln nach Madrid würde 17 Stunden dauern und alle Fernverkehrszüge sind ausgebucht - Erinnerungen an meinen Interrail-Urlaub 1998 werden wach!
09:05 Uhr: Mir kommt der Gedanke, dass ich meist schon nach 90 Minuten Stehen in der Kölner Südkurve Rückenschmerzen habe und verabschiede mich von dem Gedanken an eine Zugfahrt Richtung Spanien
10:20 Uhr: "Was kosten eigentlich Hubschrauberflüge nach Madrid?"
10:22 Uhr: "Zu viel!"
10:44 Uhr: Anruf bei der TAM-Hotline
11:22 Uhr: Eine leicht gestresst wirkende Frau hebt ab. Nach dem Austausch von ein paar Nettigkeiten teile ich ihr freundlich aber bestimmt mit, dass Herr Brink und ich auf die nächste TAM-Maschine Richtung Brasilien müssen - ich werde leicht hysterisch angelacht und belehrt, dass ca. 1300 Personen auf einen Flug nach Brasilien warten
11:23 Uhr: Versuche auf die Tränendrüse zu drücken: "Bitte, das ist sehr wichtig für uns!" - Ich werde ignoriert
11:24 Uhr: Spiele die Vaterlandskarte: "Wir sind bei den Jubiläumsfeierlichkeiten von ihrer Hauptstadt, Brasilia, involviert"! (Stimmt im weitesten Sinne sogar) - Mehr als ein müdes: "Ich setze sie auf die Warteliste, sie werden angerufen" bekomme ich aus der guten Dame nicht heraus.
13:00 Uhr: Wir spielen ein kleines Island-Gedenk-Turnier mit einem ebenfalls wartenden deutschen Team und den gestrandeten Schweden auf der Kölner Playa
15:30 Uhr: Das Flugverbot wird verlängert
15:34 Uhr: Ich aktualisiere mittlerweile im 5-Minuten-Takt spiegel.de und tagesschau.de, sowie sämtliche Abflugsinformationen der Flughäfen Düsseldorf und Köln
16:00 Uhr: Ich kontaktiere alle Personen die ich (zumindest vom Namen her) kenne und die in irgendeiner Weise mit einer Fluggesellschaft in Verbindung gebracht werden können. Weise sie auf unsere Situation hin, signalisiere, dass ich weiß, dass es 198.000 anderen Menschen ähnlich geht wie mir aber dass ich doch irgendwie eher Hilfe bekommen sollte.
17:25 Uhr: Ich sehe bei Sky (wo auch sonst...), dass kurz vor dem Spiel Frankfurt gegen Hertha eine Condor-Maschine über das Stadion fliegt
17:26 Uhr: Ich stürme zum Computer und lese, dass das Flugverbot bis 20:00 Uhr gelockert wurde.
17:27 Uhr: Ich sehe uns schon in Brasilia aufschlagen
17:29 Uhr: Man sagt bei Sky (woher wissen die Fußballfreaks das eigentlich?), dass dies nur ein Testflug gewesen sei - ich fühle mich verarscht
17:32 Uhr: Julius nimmt es mit Galgenhumor (nicht mit "Schadenfreude" wie es auf sport1.de stand) und veröffentlicht Island-Witze auf unserer Homepage
18:40 Uhr: Im Radio wird das Lied "Rosen in Amsterdam" oder so ähnlich gespielt
18:40 Uhr: Ich entschuldige mich innerlich bei allen Holländern, dass Rudi Völler damals den Frank Rijkard provoziert hat, dass es hunderte Holländerwitze gibt, sie noch nie Fußballweltmeister geworden sind und ich den Amsterdamer Flughafen bisher "übersehen" habe
18:40 Uhr: Flughafen Shipol ist natürlich auch geschlossen, auch werden keine Flüge für die nächsten Tage ab Amsterdam angeboten
18:41 Uhr: Ich nehme die Entschuldigungen wieder zurück...
20:00 Uhr: Das Flugverbot wird verlängert
20:01 Uhr: Ich kappe die Internetleitung,mache das Radio aus und schaue mir irgendeinen Mist im TV an
19. April
08:00 Uhr: Ich wache auf mit dem Gefühl, dass heute mein Glückstag wird und wir noch irgendwie nach Brasilien kommen
08:10 Uhr: Das Internet läuft wieder
08:11 Uhr: Das Flugverbot wurde verlängert...
08:12 Uhr: Nach Durchsicht der Aktenlage stelle ich erschrocken wie ernüchternd fest, dass unsere Hoffnungen wohl auf der IBERIA-Maschine am nächsten Morgen ruhen
13:00 Uhr: Der TAM-Flug am Abend wird annulliert, meine Bestürzung hält sich in Grenzen: Als Nachrücker Nummer 348 hatte ich mir ohnehin nicht all zu große Chancen ausgerechnet
13:02 Uhr: Ich ertappe mich dabei wie ich meine Daumen drücke und an IBERIA denke
14:00 Uhr: Das Flugverbot wird verlängert
14:15 Uhr: Die Seite des Frankfurter Flughafens bricht zum 13. mal an diesem Wochenende zuammen.
15:30 Uhr: Ich rede mir ein, dass IBERIA mittlerweile bestimmt ihre Flieger nachgerüstet und den Sitzabstand vergrößert hat
16:30 Uhr: Der IBERIA-Flug wird annuliert
16:31 Uhr: Ich frage mich, wie ich ernsthaft an IBERIA als Heilsbringer glauben konnte
17:00 Uhr: Auch der Lufthansaflug nach Sao Paulo wurde annuliert
17::20 Uhr: Spiegel-Online berichtet, dass die Lufthansa eine Ausnahmegenehmigung erhält, gestrandete Passagiere aus Übersee abzuholen
17:21 Uhr: Außerdem sollen ein paar Interkontinentalflüge ab (!) Frankfurt stattfinden
17:21 Uhr und 20 Sekunden: Ich rufe meinen "Kontaktmann" bei der Lufthansa an und frage ob die Sao-Paulo-Maschine zufällig doch fliegt am heutigen Tag und wenn ja, ob er mir zwei Plätze besorgen könne
17:22 Uhr: Die Antwort: Die Maschine geht in der Tat, sie ist vierfach überbucht aber er schaut was sich machen lässt
17:59 Uhr: Wir haben angeblich das "OK" für zwei Plätze auf der Maschine!
18:01 Uhr: Ich kann mich wieder artikulieren und frage was die denn kosten würden. Antwort:" Keine Ahnung aber macht euch mal schnell auf den Weg nach Frankfurt"!
18:02 Uhr: Julius wird von mir in irgendeinem Café dieser Welt gestört und mit der Nachricht konfrontiert. Gerüchten zu Folge prellt er die Zeche und macht sich auf den Weg nach Hause, seinen auf "stand-by" befindlichen Reisekoffer abzuholen
18:30 Uhr: Ich mache mich auf zum Kölner Hauptbahnhof und rechne mit dem Schlimmsten
19:07 Uhr: Ich kann mein Glück kaum fassen: Der ICE hat zwar nur ein Zugteil, verkehrt in umgekehrter Wagenreihenfolge aber ist nur 12 Minuten verspätet und ich sitze (!) im Zug Richtung Frankfurter Flughafen.
19:08 Uhr: Mir ist bewusst, dass ich weder ein Ticket in der Hand halte, noch eine Bestätigung per Mail erhalten habe, noch über einen Buchungscode verfüge. Mir erscheint das alles ein wenig surreal
19:12 Uhr: Mir fällt ein, dass wir ja nur (theoretisch) ein Ticket bis Sao Paulo haben und noch nichts für den Weiterflug nach Brasilia
19:14 Uhr: Anruf im Reisebüro
19: 17 Uhr: Eine Bestätigungsmail über unseren Flug von Sao Paulo nach Brasilia trifft auf meinem Handy ein - manchmal kann es auch einfach sein...
20:02 Uhr: Am Flughafen herrscht Geisterstimmung. Es befinden sich mehr Kamerateams als Passagiere in der Abflughalle und ich stecke mit zitternder Hand meine Kreditkarte in den Check-In-Automaten - es leuchtet tatsächlich mein Name auf
20:03 Uhr: Auf der gleichen Buchung soll sich auch Julius befinden aber der Automat erkennt dessen Namen nicht und fragt mich immer ob ich alleine reisen möchte
20:04 Uhr: Meine Flüche werden ein wenig leiser und kindertauglicher als ich bemerke, dass mich ein ZDF-Kamerateam bei meinen Versuchen filmt, die Bordkarte auszudrucken
20:05 Uhr: Ich gebe erst mal auf und dann dem ZDF ein Interview, bevor ich Richtung menschlichem Check-In schreite
20:08 Uhr: Kann mich gerade noch zurückhalten, eine wildfremde 50-jährige Lufthansamitarbeiterin zu umarmen und spontan mit Blumen zu beschenken - sie hat unsere Namen auf der Fluggastliste gefunden
20:09 Uhr: Unser Lufthansakontaktmann hatte Brink mit "ck" geschrieben - jetzt hatte ich auch den Grund für meine Hitzewallungen am Check-In-Automaten
20.10 Uhr: Das ZDF-Team hat meinen Gefühlsausbruch mitbekommen und möchte ein kurzes Statement haben
20:11 Uhr: Ich stammel irgendeinen Unsinn in die Kameras und behaupte ich hätte keine Bedenken, durch aschegetränkte Luft zu fliegen
20:13 Uhr: Ich informiere das ebenfalls wartende weitere deutsche Beachteam, dass sich eine Fahrt zum Flughafen durchaus lohnen könnte, denn nach Informationen der Lufthansamitarbeiterin existiert zwar eine Warteliste mit nahezu vierstelliger Passagierzahl aber die Information, dass Lufthansamaschinen durch Asche fliegen können kam wohl für die meisten zu kurzfristig, so dass die Maschine bei weitem nicht voll würde
21:05 Uhr: Ein ganz entspannter Julius trifft ein, schlurft zum Check-In, holt sich seine Bordkarte ab und meint: "Klappt doch alles ganz easy"...
22:00 Uhr: Es beginnt wirklich das Boarding und allmählich macht sich die Gewissheit breit, dass wir wirklich wegkommen aus Frankfurt
22:15 Uhr: Unfassbar: Meine abstruseste und stressigste Reiseplanung mündet in der entspanntesten Flugreise die ich jemals hatte (von den früheren Flügen Köln - Frankfurt mal abgesehen...): Die Maschine ist nicht einmal zur Hälfte gefüllt, ich sicher mir eine Viererreihe für mich alleine, genehmige mir noch ein entspanntes Abendessen, strecke mich dann auf meiner Liegewiese aus und schlummere selig ein
20. April
05:25 Uhr (Ortszeit): Wir landen in Sao Paulo, checken auf die TAM-Maschine nach Brasilia ein
10:41 Uhr: Wir landen hoffentlich am Turnierort (schreibe diese Zeilen ja von Sao Paulo) und müssen uns jetzt mal schnell bewusst werden, dass wir es zum einen wirklich geschafft haben und zum anderen bereits in zwei Tagen das Turnier beginnt
10:44 Uhr: Ich beschließe, von nun an alle Gedanken an unsere nicht ganz normale Anreise ab sofort von mir zu schieben und mich darauf zu konzentrieren, bei Temperaturen jenseits der 30 Grad einen guten Turnier- und Saisonstart zu erwischen
Mehr dazu und weitere Informationen erhaltet ihr auf brinkreckermann.de
Abschließend möchte ich mich noch bedanken bei Eyjafjallajökull der/die/das uns allen (leider) den Ausnahmezustand ermöglicht und aufgezeigt hat dass die Natur nach wie vor uns beherrscht und nicht andersherum.
Ein noch größerer Dank geht an unseren freundlichen Helfer der Lufthansa, der nicht müde wurde, uns mit Informationen zu versorgen und dann eiskalt zuschlug als sich die Möglichkeit bot, wegzukommen!
Euer Jonas
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